Rede des Bürgermeisters zum Volkstrauertag


Der Krieg

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen fasst es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne - wimmert - ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer quer feldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerwälder, dass die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, dass das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühenden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Dass er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

(Georg Heym (1887-1912), 1911)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Bürgerinnen und Bürger,

Mit diesen Worten Georg Heyms darf ich sie herzlich heute hier am Neuen Friedhof der Stadt Heringen (Werra) im Namen der städtischen Gremien zum diesjährigen Volkstrauertag begrüßen.

An dieser Stelle möchte ich mich für die Organisation dieser Gedenkstunde bei allen Beteiligten bedanken. Mein Dank gilt insbesondere der evangelischen Kirche, dem evangelischen Posaunenchor sowie unseren Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr.

Nach meiner Ansprache wird der Posaunenchor unseren Gang nach draußen musikalisch begleiten. Unser Pfarrer Dr. Thorsten Waap wird anschließend seine Andacht halten. Nach einem weiteren Vortrag des Posaunenchors schreiten wir zur gemeinsamen Kranzniederlegung mit den Kameraden der Feuerwehr. Den Abschluss der Gedenkstunde bildet der Segen sowie ein Stück des Posaunenchors.

Liebe Bürgerinnen und Bürger!

Der Lyriker Georg Heym, von dem das eben vorgetragene Gedicht stammt, ist zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er konnte nicht wissen, dass nur drei Jahre bevor er „der Krieg“ verfasste, ein Jahrhundert der Gräueltaten eingeläutet werden sollte. Vielleicht ahnte er aber zu seiner Zeit bereits etwas…

Exakt 100 Jahre sind es nun, seitdem der Erste Weltkrieg durch die Entscheidung vieler mutiger Menschen sein Ende gefunden hatte. Gleichzeitig stand dieser Krieg aber auch Synonym für das Einläuten einer Phase des Ausprobierens der Demokratie, einer Orientierungslosigkeit gespeist aus Demütigung und Rache sowie des Wiedererstarken nationaler Deutschtümelei, die wiederum eine noch viel schlimmere Zeit unseres Landes einläutete und schließlich in der Teilung des Landes mündete.

Wir wollen heute allen Menschen gedenken, die durch diese unfassbaren Gräueltaten ihr Leben verloren haben; sei es in den Kriegen, sei es aber auch durch die Nachwirkungen der Kriege. Wir gedenken jenen Menschen, die dem Hass und der Gewalt eines faschistischen Systems ausgeliefert waren. Wir gedenken jenen Menschen, die systematisch ausgerottet werden sollten und jenen Menschen, die nach Freiheit strebten und durch ein weiteres Unrechtssystem der DDR ihr Leben lassen mussten.

Wir wollen jedoch nicht nur derer gedenken, die ihr Leben in den Sinnlosigkeiten der Kriege lassen mussten, sondern auch derer, die ihr Leben für unsere Freiheit und unseren Wohlstand gelassen haben. Dieser Tag sollte uns Mahnung und Erinnerung dafür sein, dass Frieden und Demokratie kein Geschenk des Himmels sind, sondern täglich neu erkämpft werden müssen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Vorfeld dieser Veranstaltungen haben sich Kirche und Stadt ihre Gedanken gemacht, wie wir es schaffen, die Menschen – insbesondere die jüngere Generation – zu erreichen und ihnen zu vermitteln, warum es solcher Gedenktage benötigt.

Ja, selbst für mich sind Kriege, Leid und Elend nur aus Film, Buch, Nachrichten oder Computerspiel bekannt. Auch die Zeitzeugen werden immer weniger. Und, wenn wir nun schon so lange in Frieden und Wohlstand hier leben, benötigen wir solch etwas überhaupt noch? Die Erinnerung?

Ich sage ausdrücklich: ja!

Wir benötigen solche Tage. Heute vielleicht noch mehr denn je. Denn meine sowie die nachfolgende Generation sind die Hüter dieses Heiligen Grals, der uns von unseren Vorfahren übergeben wurde. Und es liegt an uns, dass wir bei allen Turbulenzen, die diese Welt derzeit erleidet, neuerliche Gräueltaten nicht zulassen. Wir wissen nicht, wie unsere Zukunft aussehen wird. Wir können aber alles dafür tun, dass es uns nicht ergeht, wie Georg Heym vor über 100 Jahren!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir werden uns in Zukunft Gedanken machen müssen, wie wir die junge Generation ansprechen können. Dies kann aber nur gelingen, wenn auch Sie ihre Erfahrungen und Ihr Wissen an unsere Jugend weitergeben. Diesen bescheidenen Wunsch möchte ich Ihnen auf den Weg geben.

Lassen Sie uns alle heute den Opfern aller Kriege dieser Welt, unseren Söhnen und Töchtern, Brüdern und Schwester, Müttern und Väter gedenken.

Kein Krieg ist es wert, geführt zu werden!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.




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