Ich will aber, ich muss aber – Der Umgang mit Kindern in der Autonomie-Phase


Ich will aber, ich muss aber – Der Umgang mit Kindern in der Autonomie-Phase

Liebe Eltern und Sorgeberechtigte, liebe Leserinnen und Leser,

das gemeinsame Erleben und die Zusammenarbeit mit Kleinkindern ist spannend, abwechslungsreich und alles andere als langweilig. Auch ist das Zusammensein von vielen ersten Malen geprägt, die wir als Erzieherinnen der Kinderkrippe Heringen (Werra) gemeinsam mit unseren Schützlingen und ihren Familien erleben dürfen - angefangen bei den ersten Schritten, den ersten Worten, bis hin zum ersten Wutanfall.

Früher oder später, meist um das zweite Lebensjahr herum, beginnt die Autonomie-Phase, besser bekannt als berühmt berüchtigte "Trotzphase". Unsere Kleinsten nehmen sich selbst als Person wahr, lernen ihren eigenen Willen kennen und versuchen somit immer öfter ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Bewusste Grenzüberschreitungen sind an der Tagesordnung. Die Worte "will", "aber" und "allein" ertönen mehrmals täglich aus dem Kindermund. Die Reaktion auf das "Nein" eines Erwachsenen sind mitunter spektakuläre Wutausbrüche.

Meist schon Kleinigkeiten führen dann zum emotionalen Kurzschluss und das Kind liegt zornig weinend, beispielweise, mitten in der Fußgängerzone. Man fühlt die Blicke der Menschen um sich herum im Nacken, Bitten und Betteln ums Aufstehen und Weitergehen bringt nichts, die Reaktion auf Schimpfen verschlimmert alles nur noch. Stress pur, nicht nur für Sie, sondern auch für das Kind!

Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, solche oder ähnliche Erfahrungen mit Kleinstkindern schon gemacht?

Auch uns Erzieherinnen begegnen diese Gewitterwolken aus Zorn öfters im Alltag. Das Kind ärgert sich über sich selbst, weil es nicht so kann wie es will oder es ärgert sich einfach über uns und alles und jeden um sich herum.

"Das ist nur eine Phase und geht vorbei" ist meistens der Satz den man zu Ohren bekommt (den man aber eigentlich nicht hören möchte.) Auch wir, das Team der Kinderkrippe Heringen (Werra), haben leider keinen Zauberspruch parat um das Trotzverhalten verschwinden zu lassen - denn ehrlich gesagt: Das wollen wir auch nicht!

Dieser Entwicklungsschritt ist anstrengend für alle Beteiligten, aber enorm wichtig. Denn wie das Laufen Lernen muss auch bei diesem Entwicklungsschritt vieles erst neu gelernt werden.

In der Autonomiephase erlernen die Kinder:

  • - die Kompetenz den eigenen Willen zu erleben, zu äußern und zu vertreten
  • - eigene Gefühle erleben, auszudrücken und zu verstehen
  • - Entscheidungen zu treffen und deren Konsequenzen zu tragen
  • - das Erleben von und den Umgang mit Konflikten
  • - das Zulassen von positiven, sowie negativen Gefühlen
  • - die Regulation der eigenen Emotionen
  • - die Fähigkeit mit nicht erreichten Zielen, enttäuschten Erwartungen und
      unerfüllten Bedürfnissen umzugehen

Und was können wir tun um Kinder während der Autonomie-Phase zu unterstützen und wie gehen wir Erzieherinnen der Kinderkrippe Heringen (Werra) mit solchen Situationen um?

Kinder wollen in dieser Phase viel ausprobieren und vor allem selbst tun. Sagen Sie nicht zu allem "Nein", bieten sie den Kindern einen angemessenen Rahmen sich selbst zu erleben und vor allem auszuprobieren.

Sollte es zum emotionalen Ausbruch kommen stellen Sie sich vor, wie es Ihnen ergeht, wenn einfach nichts so läuft, wie Sie es im Sinn haben. Es ist wichtig, den Kindern Raum für Ihren Zorn zu geben, natürlich im angemessenen Rahmen.

Wir als pädagogisches Fachpersonal und Sie als Sorgeberechtigte oder Familienmitglieder dürfen die Wutausbrüche nicht persönlich nehmen. Lassen Sie sich nicht von der Wut die Ihnen entgegengebracht wird mitreißen und agieren Sie bewusst und ruhig. Mit einem schreienden und weinenden Kind zu diskutieren oder es zu schimpfen ist kontraproduktiv und intensiviert die Situation meistens noch. Auch wenn Ihr Impuls ein anderer ist, versuchen Sie das zornige Kind in den Arm zu nehmen, ihm Trost zu spenden und Verständnis entgegen zu bringen - selbst wenn der Wutausbruch noch so unverständlich für Sie erscheint.

Wirken Sie mit Gelassenheit der Wut entgegen und nehmen Sie die Position eines emotional stabilen Vorbilds ein. Eine hilfreiche Möglichkeit die Kinder aus der Situation heraus zu holen und die Szenerie zu verlassen ist meistens auch schlichte Ablenkung - recht simpel aber dennoch sehr oft wirksam.

Wir hoffen, dass wir Ihnen diesen Entwicklungsschritt etwas näherbringen konnten und Sie im Umgang mit den großen und kleinen Gewitterwolken etwas hilfreiches mitnehmen konnten.

Vergessen Sie nicht durchzuatmen - denn das ist alles nur eine Phase und geht bestimmt bald vorbei!

Theresa Horber (Kinderkrippe Heringen/Werra)

 




Ansprechpartner

Fachbereich 2-Bürgerdienste
Pädagogische Leitung
Klaudia Wenk-Hoyer
 (06624)4513276
Email-Kontakt